14.10.05 | 14:04 | 2465 x gelesen

Der lange Tod des Asterix



[Die Gallien vernichtende Kritik hier in den Kommentaren.]

Link | Comicwelten | 2005-10-14 14:04 comment |

DaveKay, Freitag, 14. Oktober 2005, 14:10
ham sie
den Neuen schon gekauft, heute?

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boomerang, Freitag, 14. Oktober 2005, 14:15
ich schätz mal,
dass das schon aus dem neuen ist.

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DaveKay, Freitag, 14. Oktober 2005, 14:17
ja, hab den link erst nach meiner Frage entdeckt..

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boomerang, Freitag, 14. Oktober 2005, 14:19
und ich erst, nachdem sie ihn erwähnt haben.

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svenk, Freitag, 14. Oktober 2005, 15:55
Und ich werd' ihn nicht kaufen. Der erste Asterix seit Anbeginn, den ich nicht kaufen werde. Die Rekordumsätze machen die Hefte seit Autor Goscinny tot ist nur, weil die internationale Fangemeinde seither auf das Wunder hofft, dem Zeichner Uderzo fiele mal eine gute Story ein; stattdessen dümpeln die guten Figuren immer lockerer gezeichnet (das einzige Plus) durch immer dümmlichere Plots. Zudem wurde auch der Übersetzer noch gegen einen dümmlichen Dampfwalzenkalauer-Anbiederling ausgetauscht, der im gallischen Dorf wirklich Sprüche wie „Hol mir mal 'ne Flasche Bier, sonst streik ich hier“ unterbrachte.

Was war das für ein Fest in den Siebzigern, wenn – etwa alle anderthalb Jahre – der neue Asterix herauskam. Es brauchte keinen Medienhype um die Veröffentlichung, irgendwann über magische Mund-zu-Mund-Propaganda verbreitete sich das Wort von selbst: „Nächsten Montag kommt er!“ Er, wie: der neue Asterix; so wie es Leute gibt, die zu ihrem Lieblingsurlaubsort untereinander nur verschwörerisch „die Insel“ sagen. „Er“ war generationenübergreifend. Wir Kinder durften den neuen Asterix für anfangs zwei Mark achtzig vom Lädchen holen, wo er neben Lucky Luke, Micky Maus, Fix & Foxi und Superman lag. Wir Kinder lasen ihn auch zuerst und lachten über den Zaubertrank und immer neue, immer andere Römerkloppereien. Abends, und das war einzigartig in einer Zeit, als Comics weitgehend als „pfui“ galten, gaben wir das Heft weiter an unsere Eltern und die lasen ihn ebenso begeistert, ebenso laut lachend – wenn auch über andere Pointen, die über Zwischenmenschliches die aktuelle Politik und das jeweils aktuelle Unterhaltungsgeschäft: über zwei Jahre drehten Burton, Taylor & Co. beispielsweise an einem nordafrikanischen Sandalenfilm, der ihre langjährige trunkene Liebesgeschichte begründete. Der Hype, die Kosten und die Skandälchen um den Film waren größer als der Film selbst, das war in den Sechzigern ein völlig neues Phänomen – klar dass Zeichner Albert Uderzo und Autor René Goscinny zum Filmstart mit der satirischen Aufbereitung des Stoffs aufwarteten: „Asterix und Kleopatra“ war der Comic-Renner im Frühjahr 1964, kurz nach dem Start des Films „Cleopatra“ 1963. Die Franzosen lachten wieder über ganz andere Dinge. Ein Gallien, das sich trotzig gegen die arrogant-ignorante römische Besatzung wehrte, das war immer auch Frankreich und sein zwiespältiges Verhältnis zur Pariser Zentralverwaltung. Und wenn der Zaubertrank nicht half dann half Troubadix mit seinen schrägen Gesängen, der im Original Assurancetourix heißt, was die Name gewordene Lebensversicherung ist (assurance = Versicherung). So war Asterix auch im besten Sinne europäisch: er machte durch unzählige zu entzdeckende Wortspiele neugierig auf die Sprache der Nachbarn, die vorher nur verhasst war, weil sie so schnöselig klang und im Vergleich zum englischen eine arrogant komplizierte Grammatik hat mit so antiquierten Formen wie dem subjonctif (il faut que je m’en aille“). Und im Lateinunterricht waren es die schönsten Stunden, wenn die Lateinische Übersetzung gelesen wurde, die der humanistische Lehrkörper schätzte, weil die von Uderzo rekonstruierte römische Architektur und die von Goscinny parodierte römische Geschichte penibel authentisch recherchiert waren.

Seit Uderzo die Stories alleine baut (was auch nicht stimmt; er macht nur die Bleistiftzeichnungen, das Tuschen, Kolorieren und Lettern überlässt er längst anderen) ist all das weg. Stattdessen gibt es haltlose Plots, die auch noch verschenkt werden (Asterix’ und Obelix’ Eltern tauchen auf), unsinnige Geschichten (Kirk Douglas entführt die Protagonisten nach Atlantis) oder eben im neusten Band das Übelste, das ein Unterhalter machen kann: Kollegenschelte; wenn es mit dem eigenen Stoff nicht mehr klappt, dann zieht man eben über die Konkurrenz her. Der neue Band ist anscheinend eine Art „Krieg der Welten“, in dem die Aliens Mangafiguren, Micky Maus und Superman sind, die das gute alte gallische Dorf bedrohen. Damit zerstört Uderzo endgültig die einst selige Insel im Reich sonst eher dümmlicher Heftchen. Er zersägt den Ast auf dem er sitzt endgültig, er zerstört die einzige in Bild und Inhalt generationenübergreife Comicreihe Europas. Sicher gibt es Erwachsenencomics, Autorenheftchen, die Kinder allerdings kalt lassen. Und bei Mangas möchten die Erwachsenen speien, die schon in den Siebzigern die ZDF-Billig-Trickfilmreihen Biene Maja und Pinocchio (quasi die Ur-Mangas, preisgünstig im Akkord in Japan in Auftrag gegeben) scheiße gezeichnet fanden.

So bleibt der Gang zum Kiosk, wo der neue Asterix heute neben Mangas, Mangas, Mangas und Harry Potter steht eine Art bibliophiler Reflex und der Kauf des Hefts sowie die anschließende Lektüre ein immer wiederkehrender Phantomschmerz, der erst mit dem Ableben von Albert Uderzo aufhören wird. Dass der über den Tod seines Autors nicht hinwegkam, ist verständlich; wenn ich einen Wunsch frei hätte würde ich es ihm, uns und seinen Figuren allerdings wünschen, wenn er seine private Trauerarbeit nicht alle fünf Jahre in Heftform bringen würde. Bis dahin tue ich ihm den Gefallen, und kaufe die neuen Asterix-Hefte nicht mehr. Mit einem weinenden Auge.

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herr k., Freitag, 14. Oktober 2005, 20:54
Danke
für diese kenntnisreiche Darlegung.

Und einen Beitrag, der in seiner Länge die übliche Aufmerksamkeitsspanne eines Internet-Nomaden in aller Regel überstrapazieren dürfte.

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micro_robert, Freitag, 14. Oktober 2005, 21:06
Die einzige generationenübergreifende Bildergeschichte ist Asterix allerdings nicht. Da würde ich auch noch ein paar Nummern von Franquin sowie selbstverständlich Tim und Struppi dazuzählen (und was ist mit Lucky Luke?). Gut, die Autoren leben nicht mehr, aber die Funktion erfüllen die Geschichten immer noch. Ansonsten stimmt natürlich alles, was da steht. Traurig. Aber die alten Bände bleiben uns ja noch.

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xwormwood, Samstag, 15. Oktober 2005, 16:23
Nach all der Berichterstattung habe ich mir gestern Abend im Bahnhofsbuchhandel selber mal das Heft geschnappt. Wenige geblätterte Seiten später landete diese Todgeburt wieder auf dem Tresen. Werd ich nicht mal mit spitzen Fingern wieder anfassen.
Einfach entsetzlich, wie dieser Greis sein Erbe selber zerstört hat. Könnte man fast die Halloween-Ausgabe nennen, so gruselig ist die Story (und eigentlich auch die Zeichnungen).
Die spinnen, die Gallier.

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svenk, Samstag, 15. Oktober 2005, 17:51
Mein Beileid! Die Bahnhofsbuchhandlung steht mir noch bevor … Ich bedaure den asterixschen Exodus besonders, weil Uderzo sich zeichnerisch trotz seines hohen Alters immer noch weiterentwickelt - die Zeichnungen werden absurderweise immer noch von Heft zu Heft besser. Um so trauriger, dass er keinen Szenaristen mehr an den Plot lässt und sich darauf herausredet, heute lieber ein Kinderpublikum ansprechen zu wollen … Er benimmt sich wie ein früh Verwitweter, der seitdem schwarz trägt und nie wieder geheiratet hat. Und manchmal habe ich den Eindruck, er habe sich in Isnogud verwandelt, der seit Jahren versucht, Autor anstelle des Autors zu sein.

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xwormwood, Sonntag, 16. Oktober 2005, 16:26
Das Fazit mit Isnogud trifft den Hammer Nagel auf den Kopf.

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wuestenfloh, Montag, 24. Oktober 2005, 13:38
Wir (Mutter, Vater und Kind), werden unsere kompletten, teilweise zerlesenen und wieder zusammengeklebten Asterix-Hefte n i c h t um dieses neue Machwerk ergänzen. Zu überlegen wäre, die anderen Mist-Hefte auszusondern, um die Sammlung aufzuwerten. Basta!

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