01.06.06 | 02:20 | 1002 x gelesen

Der ganze alte Scheiß. Pigbag. Carmel, Sade, Matt Bianco, Miles Davis “Tutu” und Chris Rea. Der Geruch von nassem Asphalt in einem Kreuzberg, das an der Oberbaumbrücke aufhörte. Sommer ’85 mit Dollar Brand und „Ntsikana's Bell“, dem „Himmel über Berlin“ und dem Geheimtipp Jim Jarmusch mit seinem „Stranger than Paradise“ Die Philharmonie steht noch an der Mauer, die Esplanade wird noch nicht vom SONY-Center erdrückt und das Tempodrom am Reichstagsufer ist ein Zelt. Das war, als ich Mitte zwanzig war. Mein Mitte war das Kottbusser Tor meine Bloglesungen waren die Programmkinos mit Filmemachern unter der Woche und Kleinkunst am Wochenende. Mein Billigflug hieß Interrail und hinter’m Zoo und in Helmstedt gab’s einen Halt und DDR-Stempel in den Pass. Der ganze alte Scheiß eben. Die Musik ist noch da, die Leute sind alle weg – wie da so geht, wenn man Freundschaften nicht pflegt und die Twen-Launen einen die Taue gründlich kappen ließ. Ich bin sicher, wir sind viele, die mit ihren Best-Of-The-(beliebiges Jahrzehnt eintragen)-Mixtapes am Ende ganz alleine bleiben … und Gedanken denken, die sich heute kryptisch anhören, so wie „Monk ist jetzt auch schon 24 Jahre tot“, und die Leute sagen: „Wieso, die Serie läuft doch noch?“ und die Anlage spielt Joe Jacksons Version von „Round Midnight“ vom 1984er Album „That’s the way I feel now“. Ich wohne wieder in Berlin und meine Nachbarn erzählen von der Zeit, als der Friedrichshain an der Oberbaumbrücke aufhörte. Niemand wird je dasselbe Mixtape haben. Aber glücklich schätze sich einjeder, der jemanden kennt, der eins hat. Er weiß zumindest, wie es ist Musik und Erinnerungen zu haben, die man niemand anderem erklären kann.
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