Auch die Blogosphere betrauert Rudi Carrell. Warum also wird sein Verschwinden betrauert? Der Mann war ein bekennender Macho, einer der unbedingt vor der Sintflut noch seinen eigenen Vorteil suchte. Warum? Es hat wohl mit Kreativität zu tun. Mit Kreativität und Wertschätzung. Kreativität sei es Dinge zu tun – viele sagen, wenn sie etwas sehen „die Idee hatte ich auch“, aber sie haben es eben nicht getan – das unterscheidet, sagt Kreativ-Spezi Mario Pricken, die Kreativen von ihrem Publikum und auch das französische Multitalent Jean Cocteau fand es so nur nachvollziehbar, dass der Künstler im Sportwagen über Land brettert, während sein Publikum im Reisebus hinterhertuckert.
Carrell hatte immer den Riecher und er hat immer gemacht. Er hatte den Riecher auch dann, wenn andere was machten und wenn sie nicht bei der Sache waren hat er auch dann immer was gemacht: er hat gesagt, was er fühlte – das kam immer brutal rüber, war aber auch immer aufrichtig. Dass er Stefan Raabs „Raabigramm“ nicht mochte, ja hasste, wurde bekannt (der Kölner Metzgerssohn sang ihm voller Kamikazedespektierlichkeit: „Wann wirst du endlich wieder witzig? So witzig wie du früher schon nie warst?“) Dass er Raab Respekt dafür zollte, dass auch er ein Macher war, bewies er später, als er in Raabs Sendung auftrat.
Es blieb allerdings Carrells Distanz zum Nachwuchs, aber die hatte einen Grund, der seine Klasse und die der Entertainer seiner Generation begründete: Carrell konnte nicht wirklich mit Entertainern, die – wie das Gros heute – ihr Kapital aus der Schadenfreude ohne Hintertür schlagen. Wenn Carrell andere schlecht aussehen ließ, dann immer nur Kollegen – wie Heinz Erhardt, den er in einem Sketch mit Wasserfontänen bedachte, wann immer er ein Lied über den Regen anstimmte – weil Heinz Erhardt das verknusen konnte, denn er war vom gleichen Schrot und Korn wie Carrell und es war ein Sketch. Auf der anderen Seite sah nie ein Kandidat in den Spielszenen von Carrells „Am laufenden Band“ in den Siebzigerjahren schlecht aus und die Texte der „Herzblatt“-Kandidaten in den Achtzigern hatte Carrell bei unzähligen Bierchen und noch unzähligeren LORD Extra zwar alle festgeschrieben, aber nur weil er die Leute gut und witzig präsentieren wollte.
In der heutigen Einzelkämpfergesellschaft indes wirkt es anachronistisch, andere gut aussehen zu lassen, und darin liegt das Vermissen von Talenten wie Carrell begründet, denn natürlich vermisst das Pferd das Zückerchen, wenn seine Gabe ausbleibt, und das tut es, denn der Entertainer heute ist wie sein Publikum: er lässt in erster Linie sich selbst gut dastehen und der Rest zahlt drauf. Mario Barth holt sich seinen Applaus auf Kosten der Frauen, Stefan Raab auf Kosten all derer, die keine eigene Show haben. Wo Carrell die Show zu den Leuten runterholte, Kulenkampff den Leuten die Gelegenheit gab, über sich selbst hinauszuwachsen und Hans Rosenthal sich diebisch mit jedem „kleinen Mann“ freute, der den „Großen“ einen auswischte präsentiert sich der heutige Entertainer als Elite ohne sich in irgendeiner Form moralisch positiv zu positionieren oder gar auszuzeichnen.
Auf diese Art herrscht der Dilettantismus als scheinbare Solidarisierung mit dem Publikum vor und unsere Unterhalter sagen am Ende nichts anderes als „Ich kann genauso wenig wie du, aber ich verdiene damit Millionen, Arschloch! Indem du mir allerdings dabei zuschaust bekommst du einen Abglanz meines Ruhms.“ Nicht so Carrell, der es sich wie Kulenkampff oder Frankenfeld schuldig war, sein Publikum schön sein zu lassen und ihm dadurch Respekt zu zollen, als Entertainer alle Unterhaltungstricks drauf zu haben: den spontanen Talk genauso wie Gesang und die Talente eines Schauspielers, die Interpretenschaft so sehr wie das Talent, der eigene Autor und Musiker zu sein, das alles immer für und, wie gesagt, nie gegen das Publikum. Diese Eigenschaften verkörpern heute (in ihren seltener werdenden Sternstunden) noch Leute wie Günter Jauch, Jürgen von der Lippe oder – ja – Jörg Pilawa und sicher Hape Kerkeling. Allerdings (bis vielleicht auf Hape und von der Lippe) die meisten ohne den anarchistischen Touch eines Rudi Carrell, der es bis zuletzt schaffte, seine Selbstverliebtheit zu leben ohne sein Publikum schlecht aussehen zu lassen.
Carrell forderte Liebesbezeugungen aggressiv ein, hat aber nie verschwiegen, dass er andersrum ohne sein Publikum persönlich aufgeschmissen gewesen wäre. Ein paar aus dieser Generation gibt es noch. Dieter Hallervorden in seinem „Wühlmäuse“-Theater in Berlin, Joachim Fuchsberger, der gerade mit Oliver Kalkofe und Bastian Pastewka „Neues vom Wixxer“ abgedreht hat, ebenso wie Wolfgang „Käpt’n Blaubär“ Völz. Die Gentlemen der bourgeoisen Anarchie werden weniger, aber sie sind noch da. Man kann noch von ihnen lernen. Weiter mit Musik.
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