05.08.06 | 02:56 | 4319 x gelesen

Als das Rauchen noch
nicht tödlich war (3):
Gauloises Caporal

Eine Anzeige aus der TITANIC Nr. 4/1981. Die GAULOISES Caporal waren kompromisslos stark. Es machte keinen wirklichen Unterschied, ob man sie mit oder ohne Filter rauchte. Wer sie zwischen den Lippen führte, fühlte sich wie ein Schwerstarbeiter im hochsommerlichen Straßenbau, und war definitiv derjenige, der den Teerlaster fuhr. Ich persönlich rauchte die GAULOISES Caporal mit 17. Allein schon für die Gesichter, wenn mich jemand fragte „Haste mal ’ne Kippe?“ und ich eine davon anbot. Meist wurde mein Angebot dann, und ich sah das jedes Mal voraus, abgelehnt und ich hatte als einziger in der Teestube des Jugendzentrums meine Kippen für mich selbst – was in Anbetracht des Taschengelds, das sie finanzierte, sehr fein war. Ich hatte die GAULOISES Caporal von meinen Eltern übernommen, die rauchten nur die – ohne Filter und wenn sie gerade keine Zigarillos rauchten.

Les brunes nannten die Franzosen die GAULOISES Caporal, diese ehrlichen starken Lungentorpedos, die, geschmacklich kurz vor der Zigarre, in den 1980er Jahren das waren, was man vor dem inneren Auge hatte, wenn man GAULOISES dachte – nicht les blondes, wie die Franzosen die Marlboro-Imitation nannten, die die GAULOISES-Herstellerfirma SEITA France in den Achtzigern lancierte, und die heute synonym für GAULOISES sind (inklusive ihren rot- und beigeschachteligen Derivaten, die seitdem auch die Raucher von „R6“, nicht dem gleichnamigen Auto übrigens, ködern).

Die GAULOISES, die französischen Nationalzigaretten, gab es vor der „blonden Periode“ in Frankreich übrigens außerdem noch in einer roten, einer orangen, einer grünen und einer gelben Packung. Die geschmacklichen Unterschiede waren marginal – alle ließen sie den Raucher atemlos („à bout de souffle“) zurück. Die grünen und die roten GAULOISES schmeckten wie die blauen, die orangen gaben vor, einen amerikanischen Geschmack zu haben („Goût Maryland“), schmeckten aber ebenfalls wie alle anderen nur die gelben, die letzteren waren noch stärker als alle anderen zusammen und zudem (nur die Harten kommen in den Garten) in Maispapier eingerollt, was machte, dass sie obendrein noch alle anderthalb Züge ausgingen.

Wem das immer noch zu laff war, der griff zu den GITANES im Maispapier, die rauchten auch die südfranzösischen Boulespieler, das heißt, sie rauchten sie nicht wirklich, denn sie waren so stark, dass sie schon nach dem jeweils ersten Zug ausgingen und dann stationär in einer Lippenseite geparkt wurden; das Zigarettenpapier ging dann eine feste Verbindung mit den Lippen ein, was es ermöglichte, gleichzeitig die Rauchware, die aus drei Zentimeter halbverglühtem Papier und drei Zentimeter nicht gerauchter Zigarette bestand, im Mundwinkel der Wahl zu führen und gleichzeitig kluge Bemerkungen zum jeweiligen Stand des Boulespieles zu machen. Wer das nicht kennt, der begreift nicht, wie Lucky Luke gleichzeitig rauchen und schießen konnte, begreift nicht, wie es an Ende von Jean-Luc Godards Film „À bout de souffle“ („Außer Atem“) möglich ist, dass der junge Belmondo, bereits erschossen auf dem Kopfsteinpflaster liegend, im Mundwinkel noch eine qualmende Zigarette führt.

Die GAULOISES Caporal, das sind die Zigaretten auch der deutschen Jungbohème der 1950er bis 1970jahre, der Leute, die Django Reinhardt, Ella Fitzgerald und Miles Davis noch wie selbstverständlich auf Konzerten in jungfräulichen deutschen Jazzclubs erlebten um danach im Urlaub auf Sylt im Citroën DS sturztrunken ihre rietgedeckten Domizile zu suchen. Die GAULOISES Caporal sind die Zigaretten, die der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch rauchte, bis er in den 1990ern das Rauchen aufgab, die GAULOISES Caporal, das sind die Zigaretten meiner Eltern, die sich jetzt, längst Nichtraucher, auf Sylt zur Ruhe setzen, wo es nach Hagebutten riecht, nach den Holzbohlen der Dünenwege und nach Heidekraut.

Die GAULOISES Caporal gibt es auch heute noch und wenn man raucht, schmecken sie immer noch unvergleichlich gut am Strand – vornehmlich am französischen Atlantik oder in der Provence – in sengender Hitze. Sie beschwört noch heute alte Geister herauf – man inhaliert ihren schweren Rauch, hört sofort die Filmmusiken von Delerue, Solal oder Cosma. Man steht neben Bébél, de Funès oder Don Camillo und Peppone. Die GAULOISES Caporal sind im übertragenen Sinne das Kaliber Zigarette, das Bogart rauchte. Nur sie machen es verständlich, dass der Raucher die Augen zu Schlitzen verzieht, wenn er ihren Rauch einsaugt – denn täte er es nicht, würde ihm das beißende Grau, das er inhaliert, die Augäpfel versengen.

Wer je GAULOISES Caporal rauchte, weiß: Bogart oder Gabin wären mit einer Marlboro Light im Mund und zwischen Daumen und Zeigefinger so unmöglich gewesen wie Popeye ohne Spinat. Jane Birkin lebt immer noch – Paris Hilton würde, eine Caporal inhalierend, sofort sterben. Belmondo wäre in Godards „À bout de souffle“ die Kippe aus dem Mund gefallen, hätte er eine heutige GAULOISE geraucht und der Qualmschleier, hinter dem sich Jean Seberg im gleichen Film stets verbarg, hätte mit einer blonde nicht im Entferntesten so sexy ausgesehen.

Und am Ende  noch das: Ich habe immer noch Probleme, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich in diesen Tagen meine GAULOISES nach Frankreich mitnehmen müsste, weil Zigaretten in Deutschland heute (relativ gesehen – sic) billiger sind als in Frankreich. Das war mal anders, wie mal vieles anders war. Vor allem war Rauchen damals eine Lebensart und nicht, wie auch das Leben an sich, tödlich.
So steck ich mir eine Caporal an und höre das Interview, das der Radiosender France Inter 1969 mit Jacques Brel, Georges Brassens und Léo Ferré führte. Und Sie, freuen Sie sich schon jetzt auf die nächste lustige Achtzigerjahre-Tabakwerbung aus der TITANIC und neue Geschichten aus der Zeit, als das Rauchen noch nicht tödlich war. Wenn Léo Ferré wieder singt: „Et je m’en fous … que je m’en fous. Moi, je continue ma vie d’artiste.“ Weiter mit Musik!

Link | Grafik und Design | 2006.08.05, 02:56 comment |

vasili, Samstag, 5. August 2006, 08:31
jetzt sitze ich hier seit 'ner viertelstunde und überlege, wie ich beschreiben könnte, was für ein geiler text das ist und was der mit mir gemacht hat.

aber... nein, ich zünd' mir einfach eine der falschen zigaretten an und danke dir.

schönes wochenende und einen lieben gruss...

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ahofer, Dienstag, 8. August 2006, 07:59
Fremdenlegion
Irgendwie ist mir in Erinnerung, dass es bei der Fremdenlegion eine strenge Hierarchie gab, was den Zigaretten-Konsum betrifft.
Wenn mich nicht alles täuscht, durften die Mannschaftsdienstgrade nur Gitanes rauchen, ab Unteroffiziers-Rang aufwärts die Gauloises.

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isabo, Samstag, 5. August 2006, 15:44
Neulich lief im Fernseh eine Reportage über Leute, die in St. Pauli wohnen. Eine uralte Dame, Mitte 90, rauchte beim Interview eine nach der anderen. Der Interviewer sagte "Das ist aber nicht gesund", und die Dame, in breitem Hamburgisch: "Ich rauch seit achzich Jahrn, bin ich gesund, oda was?"

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edol, Samstag, 5. August 2006, 22:59
schön!

bowie übrigens stieg von gitanes auf marlb. lights um - aber ders ja auch ein musikalisches chamälion.

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hun, Sonntag, 6. August 2006, 09:55
Wenn Sie eine von den oben beschriebenen in einem geschlossenen Raum anzünden, rieche ich das sofort und habe 1 Minute später Kopfschmerzen.

Ich bin da empfindlich, ich vertrage diese Verbrennungsgase nicht so gut wie andere.

Interessant ist aber, manche kleinen Tabakschwelbrände nerven sofort und andere sind recht moderat.

Meine Eltern waren Raucher.
Vater rauchte "Juwel 72", Mutter erst "Cabinett" später "Club".
Ich habe ab 5-6 Klasse bissel mitgemacht. Und in der 7. Klasse aufgehört mit selber rauchen.

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limone, Sonntag, 6. August 2006, 01:56
eine wunderbare liebeserklärung...
... sozusagen die "fisherman's friend" unter den zigaretten. ein einziges mal habe ich mir eine schachtel gekauft, noch zu schulzeiten, aber mir waren sie dann doch zu stark, ich war mehr der philipp-morris-typ.

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mutant, Montag, 7. August 2006, 19:45
schoen.
mit erstaunen habe ich festgestellt, das in italien tatsaechlich menschen noch nazionali rauchen. die raeuchern noch richtig.

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oweh, Dienstag, 8. August 2006, 11:31
Ja! Genauso war es! Wie viel Kultur doch im Rauchen und ums Rauchen steckt. Besten Dank für diese Reihe.

Und ich weiß noch: Freude kamen aus Frankreich zurück und rauchten im Auto Gitanes Mais. Örk. Die „Hey blau! Die gibt es nur in Frankreich“ John Player Special roch danach selbst für mich Nichtraucher wie Parfüm….

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senest, Dienstag, 8. August 2006, 13:26
So funktioniert gute Werbung...
... nämlich durch einen hervorragend dicht geschriebenen Artikel, dessen Magie darin besteht, Archetypen wachzurufen.

Habe mir umgehend eine Schachtel Gauloises Brunes - naturellement sans filtre - besorgt und mit viel Genuß eine geraucht. Die Begleitung durch einen starken Espresso war vorzüglich, doch beim nächsten Mal muß es dann ein 51 sein. Vive la France!

PS: Ein wenig schade nur, daß die Caporal nun nicht mehr "Caporal", sondern "Brunes" heißt, das Packungsdesign nicht mehr so schlicht und überzeugend ist - und das liegt nicht an den Warnhinweisen! - sowie die Werte von 12 mg Kondensat und 0,7 mg Nikotin auf 10 mg Kondensat und 0,5 mg Nikotin gedrosselt wurden; auch ist der Tabak nicht mehr ganz so schwarz wie früher. Dennoch sind und bleiben diese Zigaretten das einzig Wahre.

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mutant, Mittwoch, 9. August 2006, 10:20
damals, als das sog. franzoesische fruehstueck in sog szenelokalen noch aus 1 schuessel milchkaffee und 1 gauloise bestand.
die freunde, die aus geiz (weil keiner geschnorrt hat) immer gauloise drehtabak hatten.
achja.

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svenk, Mittwoch, 9. August 2006, 14:57
Oh ja! Die richtigen Frohnaturen unter den Wirten nannten das auch "Existentialistenfrühstück", der Begriff geriet allerdings mit Sartre rasch in Vergessenheit.

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lülü, Freitag, 11. August 2006, 00:42
Doch, ja, Existentialistenfrühstück. Ich kenn das als solches, habe das auf einer Speisekarte entdeckt, diese Frohnaturen gibt es also immernoch.
Also doch nicht mit Satre in Vergessenheit und so. Ich nahm ja an das käme sogar von ihm...

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