Daily Ivy
Tuesday, 8. August 2006
Als das Rauchen noch nicht
tödlich war (6): CAMEL FILTERS
Grafik und Design

Ich finde diese Werbung, indem ich die TITANIC, Nr. 10 aus dem Jahr 1981 schließe. Oh ja, wir haben viel CAMEL FILTERS geraucht damals. Nur die Musiker nicht, die rauchten CAMEL ohne Filter (und tun es bis heute). Warum rauchten wir CAMEL FILTERS? An der Werbung kann das eigentlich nicht gelegen haben, denke ich, indem ich die TITANIC mit der Anzeige weglege, auf der ein tumber rothaariger Schnauzbartträger offensichtlich auf Safari und im Jeep sitzend bedeutungsschwanger an seiner Kippe saugt. Lag’s vielleicht an der Schachtel? „In dem Muster des linken Vorderlaufs des Kamels von der Schachtel ist eine nackte Frau versteckt, siehst Du die?“ lallten wir uns (wie alle CAMEL-Raucher bis heute) zu später Stunde beim Absacker jedes Mal wieder an, und ließen die Packung rumgehen. Und dann gab’s noch einen Witz den ich vergessen habe und dessen Pointe damit zu tun hatte, dass sich jemand hinter den Pyramiden auf der Packungsrückseite versteckte. Heute versteckt er sich wahrscheinlich hinter dem Warnhinweis. Nein, an der Schachtel kann’s irgendwie auch nicht gelegen haben.

An der Printwerbung jedenfalls lag der Erfolg von CAMEL FILTERS garantiert nicht. Komplett ironiefreie Werbung, hey, das ging doch gar nicht in der linksalternativen Goldgräberzeit der frühen 1980erjahre – zumal in der TITANIC! Wir waren immerhin die knospende Gründungszelle der ironischen Generation! Wir waren die Ahnen derjenigen, die gestern David Letterman parodierten und heute sich selbst als David Letterman. Wir waren die, deren Begriff von Anarchie durch die Kapriolen der Figur „Didi“ in „Nonstop Nonsens“ geprägt wurde – und die auch heute nicht viel weiter sind. Wir waren die, deren erste sexuelle Prägungen im Schritt ihrer Feincord-Schlaghosen hervorgerufen wurden durch die Schlitze im Kleid von Ingrid Steeger in Michael Pfleghars „Klimbim“. Wir sind die, die auch heute noch den Bezahlporno von PREMIERE verschmähen, wenn sie die Möglichkeit haben, die nacke sechzehnjährige Nastassja Kinski im TATORT „Reifezeugnis“ zu sehen.

Wir waren die, die heute den Gewinnern der zu beiden Seiten offenen Meisterschaft im Millionenscheffeln durch zynische Distanz inbrünstig von den Lippen lesen. Wir ignorieren inbrünstig die Welt um uns herum, solange sie sich bitteschön ausschließlich allein um uns selbst dreht. Wir tun das sogar ohne jede Honorarforderung. Gestern war unser Motto „Dick und Doof“, heute sind wir die "Väter der Klamotte" des Extrem-Heinrich-Heining: „Unter jedem Grabstein liegt eine Welt begraben“ – was also kümmert mich mein Nächster? Wir sind die, die den aussterbenden Showmastern, die wir dafür verteufeln, dass ihr Ethos preußischer war als das der Preussen, immer ähnlicher werden – und wollen es, im Gegensatz zu jenen, nicht wahrhaben.

Klar also, dass es an der Werbung nicht gelegen haben kann, dass wir, wann immer uns die Zeit zum Selberdrehen fehlte, CAMEL FILTERS rauchten – die Zigaretten die stärker parfümiert waren als der gesamte Sannyasin-Puff von Herrn Bhagwan in Poona. Und dann diese Slogans: „Ich geh meilenweit für CAMEL FILTERS“ oder „Der Weg lohnt sich – CAMEL FILTERS“ das war nichts für uns; konfrontierte man uns mit derlei kernigem Schmu ohne die ironische Überhöhung durch die Stimme von Eddie Constantine, dann prusteten wir gleich los, dann dachten wir sofort an Dinge wie Loriots Sketch, in dem ein Lottogewinner fürs Fernsehen einen originellen Spruch aufsagen soll und sich vor Nervositätext verhaspelt, dass er in all seiner spießigen Ernsthaftigkeit verkündet, er eröffne qua Lottomillion demnächst mit dem Papst eine Herrenboutique in Wuppertal (sprich: „Boutique“ wie „Buhtikä“).

„Der Weg lohnt sich“ – nicht mit uns, die intellektuelle Fallhöhe zu dem damals populären „No Future“ war einfach unüberwindbar. Was für ein Weg? Wohin? Helmut Schmidt winkte Anfang der 1980erjahre gerade amerikanische Pershingraketen ins Land durch, innerhalb der nächsten Jahre würden wir sowieso im nuklearen Holocaust verglühen, also warum sich bewegen, dude?

Und es waren ja nicht nur die Slogans, der CAMEL-Mann selbst war für uns doch völlig indiskutabel: wir steckten in Latzhosen mit Sex-Pistols- und Anti-Atomkraft-Stickern und unsere Nickelbrillen beweinten den unlängst ermordeten John Lennon. Keiner von uns wollte als rotblonder Lone Ranger in Jeep und Khaki-Kluft pseudocool durch afrikanische Reservate gurken. Wir wollten Christiane F. zum Soundtrack von David Bowie vom am Bahnhof Zoo retten, mit ihr nach Marokko trampen, billiges Dope kaufen und auf der Rückreise vor Gibraltar die inhalierte Übelkeit übers Fährengeländer direkt ins Mittelmeer kotzen!

Vielleicht war es der Gestus des CAMEL-Manns, der tatsächlich zu unseren Wünschen an ein erfülltes Leben passte: der CAMEL-Mann führte seine Zigarette martialisch-bogartesk zwischen Daumen und Zeigefinger – und nicht geziert zwischen Zeige- und Mittelfinger. Naja, und vielleicht war es doch auch ein wenig die Packung: eigentlich passen die Pyramiden, das Kamel, die Wüste und die Palmen auf der Packung wunderbar zu den letzten Zuckungen flowerpowerbewegter Reiseideale, die sich in unseren knopsenden Körpern und Seelen Bahn brachen. Mehr jedenfalls als das hyperventilierende HB-Männchen und unsere Verwandten im Pütt mit ihren Taubenschlägen und den rasselnden REVAL-Lungen.

Was mich ganz persönlich angeht, so wurde ich mit einer CAMEL angefixt. Ich wurde nicht aus Neugier oder aus Genuss zum Raucher, ich rauchte die erste Zigarette, weil mir gesagt wurde, es sei die logische Konsequenz meines Handelns, die erste Zigarette zu rauchen, dargereicht von der besten Freundin, die Teil des Problems war; ich hatte nämlich zeitlebens mehr beste Freundinnen als Geliebte. Jeder Mann, der nicht die Balance zwischen Frauenverstehen und Balz findet, kennt das: Zu viel Balz und man wird von der Angebeteten nach ein, zwei One Night Stands freundlich aber bestimmt verstoßen, zu viel Verständnis und man wird noch bevor sie überhaupt an Petting denkt zum besten Feund erklärt und nach wenigen Tagen verzückt dem ersten One-Night-Stand-Idioten vorgestellt mit Worten wie: „Das ist mein bester Freund; keine Angst zwischen uns läuft nichts.“

Ich habe seit jeher zu viel Verständnis – und bin daher seit jeher immer wieder der beste Freund. So auch 1979. Meine damalige beste Freundin bemerkte im Rahmen einer Fete (so nannten wir unsere Partys, sonst änderte sich nichts) meine aus der oben beschriebenen Situation erwachsene Frustration, und also beschloss sie: „Du bist jetzt in dem Alter, wo du mal eine Freundin brauchst. Wie wäre es denn mit der da drüben, die ist ganz schnuckelig, sieht süß aus und sie ist allein.“ - „Und sie riecht gut“, ergänzte ich in Gedanken. Mir wurde also geheißen doch mal in der Küche ein wenig mit ihr zu flirten, und ich tat das auch, aber irgendwie kam das Gespräch mit dem Dufterlebnis der Wahl nicht richtig in Gang, denn irgendwie erinnerte mich die Brille der Auserkorenen mich sehr an Juliane Werding, bei jedem ihrer Boich hörte im Kopf nur dauernd deren 1975er Hit „Wenn du denkst du denkst, dann denkst du nur du denkst“ und so konnte ich kein Gespräch beginnen, denn, denn jedes Mal wenn mich die Wohlduftende schmachtend anschaute, brach ich innerlich in lautes Gelächter aus – und ohne Gespräch gleich mit knutschen anzufangen, daran hinderte mich mein Balanceproblem: für pure Triebabfuhr reichte das mit dem gut riechen bei mir nicht, für mich fühlte es sich eben irgendwie schmutzig an, mit einem Mädchen auf Tuchfühlung zu gehen, mit dem ich vorher nicht wenigstens ein paar freundliche Worte gewechselt hatte – und das war wegen „wenn du denkst du denkst“ definitiv unmöglich.

Ich kehrte also letztlich frustriert, weil unverrichteter Dinge auf den Balkon zur besten Freundin zurück. Wollte die mich beruhigen oder war sie einfach nur breit? Jedenfalls , sagte sie mir mit jovialem Unterton, das klägliche Scheitern gehöre bei Männern quasi dazu zum Verliebtsein, nur Frauen hätten in der Balz wirklich die freie Auswahl, und ich sei ab sofort eben einfach unglücklich verliebt, das sei ganz normal und werde durch „erstmal eine rauchen“ bekämpft. Sprach’s und zündete mir an ihrer Glut eine CAMEL an. Ich dachte: „Liebeskummer. Der Weg lohnt sich – CAMEL FILTERS.“ Ich sagte: „Hilft das?“ – „Ganz bestimmt“, beteuerte meine beste Freundin, „Kopf hoch, Alter – wird schon.“ Sie klopfte mir anerkennend auf die Schulter, verschwand mit ihrem aktuellen One-Night-Stand und ließ mich qualmend zurück.

Mir wurde schwindelig und ganz heiß im Bauch, dann wurde mir auch ein bisschen schecht – nicht schlecht genug indes, um gleich wieder aufzuhören, also war ich seitdem ein Raucher – das heißt: wenn ich drauf und dran war mich zu verlieben, dann rauchte ich schon mal vorsorglich drei Schachteln CAMEL und sprach die Angebetete gar nicht erst an. Kamel oder nicht, das ist halt weder eine Frage der Schachtel noch des Slogans, letztlich – das denk’ ich jetzt, und jetzt hab’ ich’s. Weiter mit Musik.

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vielleicht wegen des Loches im Schuh

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ja verflixt, wie ging den dieser witz gleich?

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Gestern erst noch drüber diskutiert, was eigentlich den Camel-Mann vom Marlboro-Mann unterschied. Im Gegensatz zum Marlboro-Mann, der ja mehr so auf gemeinsames Pferdefangen, Lagerfeuer und Männerfreundschaft zu stehen schien, war der Camel-Mann eher der einsame Ranger, ein Einzelgänger in der Wildnis, immer auf der Suche (nach Zigaretten). Vielleicht ein Identifikationsgrund.

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Vor allem hatte der Camel-Mann auch ein Auto und hat nicht wie die Mädchen Pferde gestriegelt...

Aber abgesehen davon schmeckten Marlboro nach Autolack und Camel waren so mies gestopft, dass beim Aschen oft die Glut rausfiel!

Ich hab mir Gitanes blondes (in schwarz oder weiß wohlgemerkt) aus Luxemburg mitgebracht, von denen gab's damals wenigstens keine Werbung.

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Das würden Sie nicht glauben
aber Gitanes gibt's immer noch. Und die Werbung bald nich mehr. Ab 1.9. diesen Jahres is auch verboten zu qualmen
in
- Restaurants
- Kneipen die Essen anbieten (nur zu den Essenszeiten)
an
- Bushaltestellen
- Bahnsteigen (glaub ich)

Und sicher noch bissi mehr.

Aber Gitanes gibt's immer noch. Sind nimmer so billig wie damals, aber naja.

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Schnauzbartträger mochte ich damals genauso wenig wie heute, also müssen es wohl die Viecher gewesen sein - denn später habe ich meine ersten Selbstgedrehten im Frankreich-Urlaub auch mit Samson und Rizla-Papers gefaltet.

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by sven k. (2009.02.21, 05:17)
Ach… Ich hab' jetzt halt einen Stadt- und einen Landsitz. Falls irgendwo grad mal wieder...
by sven k. (2009.02.19, 17:09)
Umzüge sind sowas von 2008! :-/
by kinomu (2009.02.19, 02:43)
Hurra!
by texas-jim (2009.02.16, 08:51)
Oha. Wunderschön. (Fast zu schön zum Kommentieren, irgendwie.)
by kristof (2009.02.15, 14:35)
Für mein Gefühl ein bisserl zuviel Geschwirbel im Hintergrund. Und wenn's um den Umzug...
by paulanotes (2009.02.15, 00:37)
Ich werde auf jeden Fall mit der Zeit mehr Grauwert zwischen die Filme tackern....
by sven k. (2009.02.14, 17:31)

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