Daily Ivy
Tuesday, 10. July 2007
Auf Leben und Tod

Im Zusammenhang mit dem kurzsichtigen Wüten einer mittelmäßigen Regierungsmannschaft ist in letzter Zeit verstärkt von Volksverarschung die Rede.

Ich finde, es gibt keine Volksverarschung.

Es gibt keine Volksverarschung, da der Bruchschaden jedes politischen Elefanten, der sich der Stampede angeschlossen hat, die derzeit durch den Porzellanladen unserer demokratischen Grundfeste wütet, in der Tagespresse sauber dokumentiert ist und, beobachtet von Schulklassen auf der Besuchertribüne, auf den üblichen Wegen durch Parlament und Bundesrat geht. Das paranoide Verhalten des Innenministeriums in Fragen der inneren Sicherheit und das arrogante Auftreten der privatisierten Stromwirtschaft werden Abend für Abend von Marietta Slomka dokumentiert über den Bildschirm in die Wohnzimmer gegurrt.

Wenn hier überhaupt irgendjemand irgendwen verarscht, dann verarscht sich das Volk selbst, indem es untätig zusieht, wie diese mittelmäßige Regierungsmannschaft im Allerheiligsten der bundesdeutschen Demokratie wütet, als gäbe es kein morgen.
Dann hat es sich, insofern es bei der letzten Bundestagswahl zu den Nichtwählern gehörte, schon damals selbst verarscht.
Dann hat es sich bei jeder Wahl verarscht, da es nur den Hübschesten auf den Plakaten, den, den man schon immer nahm oder den, der eh schon da war wählte – und nicht den, der das überzeugendste Wahlprogramm hatte. Und Wahlprogramme sind in Zeiten allgemeiner Internet-Zugänglichkeit noch einfacher zugänglich als vorher schon.
Nur selbstverschuldet Unmündige hauen einer Regierung nicht auf die Finger, die zum Beispiel offen zugibt, aus dem im Koalitionsvertrag zugesagten Nichtausstieg aus dem Atomausstieg aussteigen zu wollen. Nur selbstverschuldet Unmündige diskutieren hysterisch, ob sie ihre Urlaubsfotos bei flickr oder Ipernity hinterlegen während ein beschnittenes Urheberrecht, ein Gesetz zur pauschalen Kriminalisierung von Programmierern und die schrittweise Abschaffung der Privatsphäre letztlich ohne großen Widerstand den Weg durch die Instanzen gehen.
Wir sind das Volk und selbst schuld, wenn wir die Chance versäumen, die Arbeit unserer gewählten Vertreter kritisch und, wo es dran ist, auch nachdrücklich zu begleiten und zumindest zu kommentieren.
Als Reagan, Schmidt und dann Kohl in den Achtzigern atomar bestückte Mittelstreckenraketen in Westdeutschland aufstellten, da ging es ganz offensichtlich um Leben und Tod, und so war es ein großes Demonstrieren. 1981 und 1983 kamen Hunderttausende nach Bonn um gegen die Abenteuerlust der gewählten Volksvertreter aufzubegehren.
Selbstverschuldet Unmündige bekamen so etwas in der jüngsten Vergangenheit nur noch bei der Love Parade auf die Reihe oder als Bob Geldof Pink Floyd wiedervereinigte. Wofür war das noch? Ach ja, für das Weltklima. Ach nee, für Afrika. Jedenfalls geht es heute doch nicht um Leben und Tod.

Wirklich nicht?

... Comment

Endlich mal eine gescheite frage heute auf Einslive, nämlich die, ob wir demonstrieren gehen, wenn ja warum, wenn warum nicht.
Da gab es das ganze Spektrum zu hören, von "is doch alles Supi" bis "Toll demonstrieren ist eine gute idee, aber wo fange ich an?"

ich stell mir die Frage tatsächlich auch, wo zur Hecke fange ich an. Ich glaube kaum, dass 1981 und 83 mehr Brandherde loderten als aktuell und genau das halte ich für den Unterschied. Da gab es ganz klare wichtige Dinge, die alles andere verdrängten.
In zeiten des Internets kocht jeder sein eigenes Süppchen, es gibt quasi tausende Brandherde und die Frage ist ganz klar, wie bündelt man das Potential zur gegenwehr, was zweifelsohne noch immer vorhanden ist.
(Und vor allem wie bündelt man es, ohne dass sich im Büdel die leutchen vorher gegenseitig fressen)

... Link

die frage ist, was demos bringen - eine frage ich mir (leider!) nicht mehr beantworten kann. momentan dienen sie v. a. der scheinbarern legitimierung immer restriktiverer gesetzte (GG, was nicht passt, wird passend...) - stichwort: internierung + kommverbot. von 'gefährdern'

... Link

Demos (trotz restriktiver Gesetze) haben der SED den letzten Arschtritt verpasst. Demos (trotz restriktiver Gesetze) haben Wałesa vor der standrechtlichen Erschießung bewahrt. Nur mal so.

... Link

Ja.
Mir fehlt er auch, der Kalte Krieg.

... Link

Phhh, der Job ist erledigt, die Schlampe ist tot.

... Link


... Comment
!

... Link


... Comment
Demos brauchen Leute, die ihren Hintern aus dem Sofa heben, die die grade laufende Nachmittags-Talkshow ausschalten und anfangen selbst zu denken anstatt sich von dem was aus der Glotze sickert berieseln zu lassen. Demos brauchen Leute die sich eine EIGENE Meinung bilden und diese dann auch kundtun, obwohl es vielleicht sein könnte, dass nicht alle anderen der gleichen Meinung sind. Demos brauchen Leute, die sich organisieren und die das Heft in die Hand nehmen und nicht nur wie die Esel dem mit der größten Mohrrübe hinterher rennen.

Woher sollen diese Leute in Deutschland kommen?

... Link

Ich bin dieses Jahr das erste mal seit 15 Jahren auf einer Demo gewesen und es war ein gutes Gefühl. Zumal ich viele in meinem Alter sah, denen es wohl ähnlich ging, die ihre über die Jahre angefressene das bringt doch nix-Attitüde mal zuhause liessen und ihren Spass dabei hatten, zusammen mit vielen Menschen auf der Strasse zu sein. Um deine Frage zu beantworten: diese Leute sind überall, das sind du und ich und viele Andere und wir müssen einfach wieder die Lust und das Selbstbewusstsein in uns wecken unsere Stimmen ernst zu nehmen.

... Link


... Comment
Mündiger Bürger ist ein harter, unbeliebter Job. Wird ja auch kaum noch ausgebildet heutzutage.

... Link


... Comment
Da gibts doch auch ein schönes Liedchen für diese und jene Gelegenheit.

Den historischen Ballast denken wir uns mal eben weg und konzentrieren uns rein auf die Inhaltsbeschreibung.

Passt doch, oder?

... Link


... Comment
"[...] insofern es bei der letzten Bundestagswahl zu den Nichtwählern gehörte, schon damals selbst verarscht.[...]"

Wirklich?

Welche Wahl hat man denn als Wähler? Doch wohl nur die zwischen Pest und Cholera. Vielleicht noch die Wahl einer unbekannten eitrigen Infektion.
Realistisch betrachtet ist entweder SPD oder CDU irgendwie immer mit dabei. Wirklich viele Möglichkeiten welche Farbe oder Farbkombination die Regierung hat, gibt es dann nicht mehr.
Man könnte sich jetzt in seinen kühnsten Träumen mal kurz ausmalen wie es wäre, wenn wir eine Gelb-Grüne (oder Grün-Gelbe) Regierung bekommen hätten. Guido Westerwelle als Kanzler und Joschka Fischer als sein Vize. Oder umgekehrt, was vielleicht ansatzweise noch trag... ähmmm denkbar wäre.

Also genug kühne Träume geträumt. Realistisch betrachtet, bekommt man immer die rote Pest oder die schwarze Cholera ab. Die Parteien juckt es doch nicht ob sie mit 45%, 31% oder 11% der Stimmen den/die KanzlerIN stellt. Hauptsache gewonnen. Dieses "Demokratie ist mir völlig egal, Hauptsache ich bin (und bleibe) Kanzler!"-Denken wurde bei der letzten Wahl ja richtig schön demonstriert. Von beiden Seiten.

Streng genommen wollten aber ca. 70% der Wähler Angela Merkel NICHT als Kanzlerin haben.
So gesehen ist Wählen gehen doch die eigentliche Verarsche. Denn nicht die Mehrheit siegt, sondern ein Wurmfortsatz der Stimmen der zur Mehrheit erklärt wird.

Was sieht das Wahlgesetz eigentlich vor wenn, sagen wir mal, 90% der Bürger NICHT wählen gehen? Gibt es da eine Grenze ab wann eine Wahl ungültig ist bzw. so ein Minimum an Wählern die mitgemacht haben müssen?

... Link

In Deutschland gibt es keine Mindestwahlbeteiligung, das heißt, wenn Du alleine wählen gehst, dann wählst nur Du den Deutschen Bundestag. Toll, was? Werde ich aber vereiteln.

Wenn mir allerdings heute nochmal jemand den Argumentationspfad in Richtung dieses larmoyanten, kurzsichtigen und selbstgefälligen "Ja, wen soll man denn wählen" verläßt, dann setzt es richtig Prügel.

... Link

ich! ich! ich! Ich will die Prügel!
Dieses "geht wählen, weil dann schlimmeres passiert" ist ein Mythos, erfunden von stimmgeilen Politikern und entbehrt jeglicher nachweisbaren Grundlage. Ich bin gegen jedes Programm, dass ich bisher gelesen hab. Ich bin gegen so ziemlich jeden Politiker, der seine Fresse je in die Glotze gesteckt hat. Ich bin gegen Parteien, gegen Koalitionen und vor allem gegen das "repräsentative" der repräsentativen Demokratie. Wählen ist für mich Selbstbetrug. Und niemand, niemand kann mich dazu zwingen.

PS: Ich bin btw. für ein Gesetz, dass bei einer Wahlbeteiligung bei unter 50% dem Volk die Möglichkeit einräumt, seine Vertreter mit Holzknüppeln und Mistgabeln aus dem Land zu jagen.

... Link

manche leute behaupten ja, wenn der buerger mehr mitzubestimmen haette, waere er auch weniger politikverdrossen.

im tagi-magazin war letzthin ein laengerer artikel, der eher auf das gegenteil hinweist (in der schweiz gibts staendig volksabstimmungen und immer weniger leute gehn hin...).

... Link

ich weiß gar nicht, was die SPD in der Rechnung da oben zu suchen hat. Die SPD ist tot und ist nur zu doof zum Umfallen. Sie hat ihr Klientel verrraten..äh nein, verkauft!
Bei der nächsten bundestagswahl werden wir ziemlich sicher erleben, wie Oskar la Fontaine den größten Teil der SPD-Wähler kassiert und ich frage mich, ob es sich nicht sogar für die DKP lohnt Bundesweit anzutrreten, denn der Wähler dürfte die nase gestrichen voll davon haben, dass der Sozialstaat demontiert wird und das zu Gunsten der Kapitalisten.

insofern ist meine frage nicht, ob ich wählen gehen werde, sondern nur wie Rot.

... Link

Oskar, die Quelle… Lustige Schreibweise.

... Link

haha, ein Reflex wohl aus dem verhassten Französischunterricht (aber das darf ich hier gar nicht sagen, glaub ich)

... Link

Doch, natürlich. Der Unterricht ist ja auch eine Pest. Aber Französisch macht Spaß.

... Link

Wenn ich mal nicht weiß, wen ich wählen soll mach ich "ungültig" (ist mir letztens tatsächlich das erste mal passiert) - ändert zwar nichts an den Prozenten (die nach gültigen Stimmen gezählt werden) aber dann gibt's für meine Stimme wenigstens kein Geld (denn das wird nach den Stimmenanteilen an allen Stimmen ausbezahlt). Würde ich nicht hingehen bezahl ich die Trottel ja sogar noch, das ist denen ja grad noch recht.

... Link


... Comment
Ich würd ja demonstrieren gehen. Also ohne Steineschmeißen, aber mit Transparente hochhalten und brüllen.

Aber eine Demo organisieren möchte ich nicht. Da fühle ich mich zu klein zu.

(Und ich denke, dass es vielen geht wie mir.)

... Link

das mit dem gutfühlen auf der demo ist es ja - ein ähnliches gutfühlen wie es stimmendes oder nicht stimmendes vieh evtl. fühlt, oder wie sich ein lecker bioeis anfühlt...irgendwie total korrekt - und wenns nix bringt, es schadet nix (es sei denn sone doofe konfrontation mit wasserwerfer und trommelfell - bitte?wie?!) - fakt ist, das wir theoretisch legitimiert sind solche 'politiker' absetzten zu dürfen - denn sie stellen eine gefahr für die demokrat. grundordnung dar - das ist dann nat. mehr als ein juristisches problem*, da man den eher ineffektiven (piercing, piercing..äh pörsching) verlassen müsste, und sich so in der form strafbar macht, wie es der innenmini bereits tut und weiterhin vorhat. das ist der zwiespalt. und damit bin ich ganz sicher schon gefährder.

* aber hören wir auf uns kanzler - in einer solchen bedrohungslage sollte es keine denkverbote geben - ausser für andersdenkende..versteht sich.


und das mit oskar halt ich fürn gerücht - ne partei die vom verfassungsschutz beobachtet wird...hihi, ist ne kleine hemmschwelle nich - selbst für sozen. gut, wenn die prognoseqerte der spd weiter sinken so auf um die 10% dann kanns evtl. hinkommen

... Link


... Comment
Ich finde ja, dass es mit den Demonstrationen zumindest teilweise ähnlich ist, wie mit den Wahlen. So richtig zu 100% kann ich mich mit den Programmen und Zielen nie identifizieren. Und doch halte ich es in einer wehrhaften Demokratie für unabdingbar, beides zu tun: wählen und demonstrieren.
Noch wichtiger ist aber, den eigenen Wahlkreisabgeordneten permanent auf den Füßen zu stehen. Sie mit Anfragen konfrontieren, sie zwingen, Stellung zu beziehen. Nur so sind sie gezwungen, sich auch mit anderen "Positionen" auseinanderzusetzen.
Von mehr Volksabstimmungen halte ich dagegen nicht so viel. In Zeit von immer schlechteren PISA-Ergebnissen und immer mehr Springer-Macht, bekommen wir am Ende genau das, was uns langfristig ins Verderben stürzt.

... Link


... Comment

Online for 2022 days
Last modified: 2009.12.24, 03:40
Status
Youre not logged in ... Login
Menu
... Home
... Tags

Search
Calendar
February 2010
MonTueWedThuFriSatSun
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
February
Recent updates
Silent Running Zwischendurch ein nostalgischer Filmtipp. Silent Running (USA, 1972)  – ökologisch korrekte Science Fiction...
by sven k. (2009.10.07, 19:51)
Wir lagen vor Madagascar „Ein Schiff wird kommen Und dann gleich wieder fahren Und dann...
by sven k. (2009.10.07, 19:48)
So this is Christmas. Ich feiere Heiligabend mit meiner Katze. Meine Katze ist hochzufrieden. Ihr...
by sven k. (2009.10.07, 19:48)
Saxana: Hotter Than Potter
by sven k. (2009.10.07, 19:47)
Liebe & Hygiene In einem von mir geschätzten Blog lese ich gerade: „Seien Sie ein...
by sven k. (2009.10.07, 19:47)
L'homme à tête de chou Serge Gainsbourg (im Bild links) starb heute vor siebzehn Jahren....
by sven k. (2009.10.07, 19:45)
to whom it may concern "All right, we go outside where God can see us...
by sven k. (2009.10.07, 19:45)
Neues vom Angelsport Aha. Aha. Dino De Laurentiis produziert die Kinoversion von Frank Schätzings Öko-Thriller...
by sven k. (2009.10.07, 19:44)
Kleinti Simon (17.06.1966 - 05.06.2000) Mensch Freund. Acht Jahre bist Du weg heute. In Gedanken...
by sven k. (2009.10.07, 19:44)
Peter Rühmkorf (25.10.1929-08.06.2008) "Licht aus, Licht aus / Mutter zieht sich nackend aus / Vater...
by sven k. (2009.10.07, 19:43)
Vanitas „Wünsch mir im Himmel einen Platz Auch wenn die Balken brächen Bei Bellman, Benn...
by sven k. (2009.10.07, 19:41)
Jazzkeller
by sven k. (2009.10.07, 19:40)
Getz kannze liegenbleiben. [Tana Schanzara, 19.12.1925-19.12.2008]
by sven k. (2009.10.07, 19:40)
Merry Christmas Take your dearest and dance.
by sven k. (2009.10.07, 19:39)
Freak Show „Es gibt keinen größeren Trost für die Mittelmäßigkeit, als dass das Genie nicht...
by sven k. (2009.10.07, 19:37)
a quote of a day Monsieur le commissaire, vous savez c'est pas tous les jours...
by sven k. (2009.10.07, 19:34)
decomposing composers „Wie man das Leben liebt“ hieß das Buch, das der Komponist Michel Magne...
by sven k. (2009.10.07, 19:33)
Och. Na gut.
by don kristof (2009.02.21, 12:14)
Umzuch Ihr Lieben. Ab sofort gibt es DAILY IVY unter der Adresse: http://daily-ivy.de Update your...
by sven k. (2009.02.21, 05:17)
Ach… Ich hab' jetzt halt einen Stadt- und einen Landsitz. Falls irgendwo grad mal wieder...
by sven k. (2009.02.19, 17:09)
Umzüge sind sowas von 2008! :-/
by kinomu (2009.02.19, 02:43)
Hurra!
by texas-jim (2009.02.16, 08:51)
Oha. Wunderschön. (Fast zu schön zum Kommentieren, irgendwie.)
by kristof (2009.02.15, 14:35)
Für mein Gefühl ein bisserl zuviel Geschwirbel im Hintergrund. Und wenn's um den Umzug...
by paulanotes (2009.02.15, 00:37)
Ich werde auf jeden Fall mit der Zeit mehr Grauwert zwischen die Filme tackern....
by sven k. (2009.02.14, 17:31)

RSS feed

Made with Antville
Helma Object Publisher