09.11.07 | 17:21 | 512 x gelesen
Die flirrend heiße sommerliche Terrasse einer Villa in Südfrankreich. Auftritt der burschikosen Neunzehnjährigen im Badeanzug. Sie wirft sich eine leichte Strickjacke über und knotet die beiden Enden des Bundes kurz über dem Bauchnabel zusammen, während sie mit einem gutaussehenden hageren Mann Mitte Fünfzig scherzt, den sie Raymond nennt.

Warum funktioniert Bonjour Tristesse in der Verfilmung von 1957/58 heute immer noch? Vor allem wohl, weil Otto Preminger („I do not welcome advice from actors, they are here to act.“) das Buch von Françoise Sagan in den wesentlichen Passagen so klar und fernab von allem Zeitgenössischen inszeniert hat, dass selbst der sonst als Staubfänger kultivierte David Niven trotz Langweilerschnauzbärtchen (das schon an Clark Gable affig aussah) wirkt, als käme er im Heute des Filmbetrachters vom Strand und nicht sechs Jahre vor der Kubakrise und als würde er sich tatsächlich am liebsten noch meerwassernass auf die strandliegengestützte Deborah Kerr werfen, die in dem Film wirklich als die lustvolle Mitte dreißig rüberkommt, die sie damals war und die Greisin vergessen macht, als die sie 2007, in Parkinson erstarrt, starb.
Immer wieder der Gedanke, große Filme komplett nachzudrehen mit allen noch lebenden Schauspielern. Also meist leere Einstellungen. Mit dem leichten Rotbraun-Blau-Stich ansonsten perfekt restaurierter Technicolor-Kopien. Bonjour Tristesse. Eine Villa am steinigen Strand von sagen wir, Nizza. Stille. Nur Grillenzirpen. Die Kamera huscht über die sonnenheißen Steinfliesen der Terrasse, verharrt an der die Terrasse begrenzenden Mauer mit Blick auf das mediterrane Standpanorama. Scheinbar unmotiviert schwenkt die Kamera auf die zur Terrasse führende steile Steintreppe, verharrt dort kurz um dann über die Terrasse in ein helles aber kühles Schlafzimmer mit tropenholzvertäfelten Regalwänden voller Bücher und Porzellan-Nippes zu fahren. Dann wieder auf die leere Terrasse, die Treppe. Schnitt. Die Kamera erwartet Menschen unten am Strand, die lachend die steile Treppe zum Badehäuschen heruntergesprungen kommen.
Der Gedanke, dass Jean Seberg mit der Kamera eigentlich Nachlaufen spielte.
Es kommen keine Menschen runter an den Strand. Der Film ist nur fünfzig Jahre alt und sie sind alle weg. Die jüngste, Jean Seberg, würde dieses Jahr ihren Siebzigsten feiern, wäre sie nicht schon im Paris der Siebziger stark verwest neben einem Röhrchen Schlaftabletten in ihrem Auto gefunden worden. Wir welken so schnell. Exhale from the mind… Exhale from the soul…
Das einzige Manko der Preminger-Verfilmung von Bonjour Tristesse ist, dass es ein französischer Film ist, den man im amerikanischen Original sehen muss. Befremdet mich ebenso, wie Schindlers Liste, ein amerikanischer Film, in dem die Deutschen Englisch und die Amerikaner Polnisch sprechen. Von Schindlers Liste habe ich mir ob dieses Irritationspotenzials bislang das Original nicht angeschaut. Bei Bonjour Tristesse schon. Warum… Wahrscheinlich hat der Exilösterreicher und Max-Reinhardt-Weggefährte Otto Preminger selbst das Französische so sehr zum leinwandtransportablen Gefühl komprimiert, bis selbst die Sprache zu seiner Deutlichwerdung egal wurde. Ich bin sicher, der Mann hätte seinem Publikum noch das Star Spangled Banner als Tricolore glaubwürdig gemacht, aber das sah er wohl nicht als dramaturgisch notwendig an.
Der Wind an der sonnendurchfluteten Küste Südfrankreichs ist noch da. Nicht mehr die kurzen blonden Strähnchen von Cecile, die der zum Tanzen bringt. Wohl andere Strähnchen.
Warum funktioniert Bonjour Tristesse in der Verfilmung von 1957/58 heute immer noch? Weil es ein Film für die Vergänglichen, ist indem er das Zeitlose bittersüß greifbar macht.
Alles andere ist eine andere Geschichte und führt unweigerlich zu Blade Runner.
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