07.07.08 | 21:31 | 840 x gelesen

german flip flopping

Kanzlerin Merkel freut sich über die „neue Dynamik“ in der Atomdebatte

Die regierende Kostümträgerin muss um den Zynismus ihrer Rhetorik wissen, immerhin ist sie studierte Physikerin. Und doch folgt sie trotzig dem Prinzip der Revival-Shows, das darauf beruht, dass grausige Sachen einfach dadurch knuffig wirken, dass man sie Jahrzehnte später wieder aufwärmt. In dem Rahmen hatten wir schon ein „Modern Talking“-Revival und Kuschel-Stasi in groß angelegten „Das-war-die-DDR-Shows“.

Im Grunde wissen es ja alle: nur weil Öl in allerlei Sinne teurer wird, wird Atomkraft nicht umweltfreundlicher. Aber, um einen Bänkelsänger aus Bochum zu zitieren: der Mensch bleibt Mensch weil er vergisst. Ja, im Vergessen ist er ganz groß.  Er vergaß Tschernobyl vergaß, er vergaß Sellafield, La Hague, sogar Harrisburg und das alles trotz des PR-Einsatzes von Jane Fonda und Meryl Streep. Damit klingt sogar Angela Merkel knuffig, wenn sie konstatiert: „Es gibt eine neue Dynamik in der Atomdebatte“. Zumal sie das mitten in den Sommerferien sagt. In den Sommerferien hätten die meisten Leute auch nichts gegen einen dritten Weltkrieg, Hauptsache, es gibt Gin Tonic am Pool und der Weltkrieg steht ihnen am Strand nicht in der Sonne.

Da kann man so schön vergessen. Vergessen auch, dass schon beim Abbau des für die AKWs benötigten Urans und besonders bei dessen Anreicherung die Bergarbeiter wie die Fliegen sterben. Aber das sind alles Abos in Australien und arme Schlucker von Kasachstan bis Namibia, unbekannte Tote, weit weg, die regen niemand auf und die Lobby der neuen Dynamik in der Atomdebatte kann weitermauscheln.

Es wird vor allem gern vergessen, dass es nach wie vor heißt: „Vatter bring mal den Müll raus!“ Vergessen, dass es bis heute keine nuklearen Endlagerstätten, nur Zwischenlager gibt, meist in der Nähe der AKWs. So werden in den USA bis heute locker 60.000 Tonnen Atommüll zwischengelagert. Um eine Lagerstätte Endlager zu nennen, müssten aber auch bös harte Auflagen erfüllt werden. So müssen Endlager, so ein Gerichtsbeschluss, „hunderttausende Jahre dicht halten“. Was einem ins Gedächtnis ruft: auch wenn man zwischendurch mal ein paar Jahre nicht drüber gesprochen hat, im Kerngeschäft der Atomindustrie wird immer noch Müll für die Ewigkeit produziert, Abfall, der länger stinkt als die gesamte erbärmliche, in toto suizidale Menschheitsgeschichte bislang andauert. Übrigens wurde zwischenzeitlich die Forschung in Sachen Endlagerung wegen mangelnder Erfolge frustriert und klammheimlich ausgesetzt. Tirili, tirilo, tirla.

Aber Kanzlerin Merkel freut sich über die „neue Dynamik“ in der Atomdebatte.

Es gibt Wahlen zu gewinnen. Und das geht mit Kuschel-Kernkraft, die in Zeiten der Klimahysterie damit punktet, dass sie, wenn man die Panikmache mit der astronomischen Zeit, die das Zeug zuverlässig tödlich strahlen wird mal kurz vergisst, die Umwelt überhaupt nicht mit CO² belastet. Ja, da freut sich der Emissionshändler über massig frei werdende Kapazitäten! Mal sehen, wie lange es angesichts dieser sportlichen Herausforderung in der SPD noch Menschen wie Generalsekretär Hubertus Heil gibt, der laut SPIEGEL ONLINE daran erinnert, dass die Beschlüsse zum Atomausstieg eine 30 Jahre lange Spaltung der Gesellschaft beendet hatten. Wer sie aufkündige, der stifte Unruhe und stürze das Land zurück in einen „ideologischen Grabenkrieg“. Yes, Sir, I can boogie!

Aber Kanzlerin Merkel freut sich über die „neue Dynamik“ in der Atomdebatte.

Ach, Männo. Ich war so froh gewesen feststellen zu können, dass der alte Parka mit der rausgerissenen Deutschandfahne und dem „Atomkraft? Nein Danke!“-Sticker seine Schuldigkeit getan hatte. Dass einmal Vernunft und echtes Verantwortungsbewusstsein gegenüber den oft zitierten kommenden Generationen über kurzfristigen Lobbyismus gesiegt hätten. Es wäre ja zu schön gewesen. Schon jetzt gewinnt in Biblis, so der gedruckte SPIEGEL von dieser Woche, eine Parteilose mit 60% der Stimmen nicht für die CDU sondern für die SPD die Bürgermeisterwahl indem sie sagt: „Der Atomausstieg wurde beschlossen, als der Ölpreis bei zehn Dollar lag. Heute sind es über 140 Dollar. Wie weit sollen die Preise denn noch steigen?“ SPD: Kohle statt Ausstieg. Die Gute hält den Biblis-Reaktor übrigens für so sicher, dass sie in dessen unmittelbarer Nähe sogar ein Spaßbad bauen würde, das die Abwärme des AKWs sinnvoll nutzen würde. Sie bedauert, dass das letztlich wohl aber nicht durchsetzbar wäre.

Erstaunlich, oder?

Frau Merkel würde bestimmt drin baden. Ganz dynamisch.

Link | Realitätsverlust | 2008.07.07, 21:31 comment |

kathleen, Montag, 7. Juli 2008, 21:37
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Danke!

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DonDahlmann, Dienstag, 8. Juli 2008, 00:49
Ich schweife ab: Wenn Du mit dem Sänger den Grönedingens meinst, dann liegst Du mit Bochum daneben, wenn man besonders klugscheisserisch sein will. Wie ich letztlich während einer Recherche (frach nicht) feststellen musste, stammt Grönemeyer gebürtig aus Göttingen (schlimm genug, aber jetzt kommts) aber seine Eltern lebten in Clausthal-Zellerfeld. Kann man sich gar nicht ausdenken, sowas.

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sven k., Dienstag, 8. Juli 2008, 02:56
Sicher, es ist nicht die Seine
Es ist nicht der Wald von Vincennes
Aber es ist trotzdem sehr schön
in Göttingen, in Göttingen…


[Barbara, "Göttingen".]

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u1amo01, Dienstag, 8. Juli 2008, 08:51
Ölpreis steigt --> wir brauchen Atomkraft. Ich kanns nicht mehr hören.

Vielleicht könnten die Herren von der Presse (von den Politikern erwarte ich sowas gar nicht mehr) nebenbei erwähnen, dass da nicht so direkt ein Zusammenhang besteht?

Öl hat bei der Stromerzeugung laut Angabe des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft im Jahr 2007 einen Anteil von gerade mal 6 Prozent.

www.bdew.de

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sven k., Dienstag, 8. Juli 2008, 18:32
Herrlich. Danke für diese Ergänzung. Möglich, dass die sogenannten Diedaoben einen Wettbewerb laufen haben, wie viel Scheiß man machen kann ohne dass die sogenannten Diedaunten effektiv aufmüpfen. Und wie's aussieht ist noch einiges drin, solange es genug Dosenfleisch und Plastikbier beim ALDI gibt.

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jensscholz, Mittwoch, 9. Juli 2008, 09:50
diedaunten werden ja von denendaoben inzwischen gerne diedadraußen genannt. passenderweise.

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sven k., Mittwoch, 9. Juli 2008, 01:38
Neues von der saubersten Energie aller Zeiten
Atomunfall in Südfrankreich: Aus einer Anlage bei Avignon sind Tausende Liter einer Uran-Flüssigkeit ausgetreten. Sie gelangte bei Reinigungsarbeiten in die Kanalisation.
[Spiegel Online, 08.07.2008.]

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macsico2, Mittwoch, 9. Juli 2008, 10:57
So kann das ja nix mit Deiner Politiker-Karriere werden - Du nimmst ja die echte Realität® wahr, nicht die gefühlte Realität der meisten Politiker ...

Spaß beseite, diese Nachricht hörte ich heute morgen im DLF, und bei allem Entsetzen darüber kam sie für mich doch irgendwie zur rechten Zeit - Renate Künast wies kurz zuvor im DLF-Interview zurecht darauf hin, daß Kernkraft nach wie vor eine Risikotechnologie ist.

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