09.08.08 | 06:03 | 256 x gelesen
Ach, wenn doch alle Menschen das Wissen und die Erfahrungen aller Menschen teilten! Stattdessen: alle nur gestreift… Buddha, Breton, Dalí, Éluard, Cocteau, Picasso, all die anderen und, herrje, Dieter Bohlen…
Angesichts unserer lächerlichen Lebensspanne können wir das kulturelle Erbe der Menschheit nur kurz anrempeln und gehen ins Grab wie ein Schweizer Käse: in dem Wissen, dass das bisschen, was wir an Menschengeschichten aufgesogen haben, gerade ausreicht, um uns klarzumachen, was wir alles versäumt haben. Und weil es unmöglich scheint, unserem Hirn rappzapp Wissen aufzuspielen wie auf Festplatten, wird sich daran auch nichts ändern. Und so wird der Mensch, statt dort anzuknüpfen, wo die Verwesenden aufhörten, mit jeder Geburt Fehler und Wonnen wiederholen müssen, die schon mehr als oft fehler- und wonnevoll gelebt wurden. Noch der schlechteste Witz wird neue Lacher finden, wenn erst die nächste Generation von Privatfernsehzuschauern unter der Erde ist.
Wie schön das Konzept im Film „Matrix“, wo jemand, der einen Helikopter fliegen muss, sich beim Einsteigen in das Fluggerät von der Einsatzzentrale mal eben ein komplettes Pilotenwissen ins Hirn überspielen lässt, die Kiste startet, losfliegt und sich gleich voll auf sein Ziel konzentrieren kann. Wie schön das Konzept, das Frank Schätzing in „Der Schwarm“ ausbreitet, wo einzellige Meeresbewohner die Erfahrungen jedes Individuums ihrer Spezies nicht im RAM-Speicher des Gehirns sondern auf der Festplatte genannt Gencode speichern, und die so qua Vermehrung ihr Wissen an die nachfolgenden Generationen weitergeben.
Fühlbares Wissen ohne analoges Studieren und Pauken, ohne Verlust durch Vergessen, was für ein Traum. Die Menschheit würde voranschreiten. Wir alle würden fühlen wie Casanova liebte, wir alle wären Buddha, Breton, Dalí, Éluard, Cocteau, Picasso, all die anderen und, herrje, Dieter Bohlen. Ginge es – wir wären Neandertaler mit dem Wissen von Angela Merkel! Unser Neonazidrang relativierte sich durch ein vehementes Mahatma-Gandhi-Bewußtsein! Jeder Krieger spürte noch vor dem ersten Schuss alle Schmerzen aller Kriegsopfer der Menschheitsgeschichte. Natürlich wären wir auch Dieter Bohlen und Adolf Hitler. Wir würden träumen, wie wir, „Cheri, Cheri Lady“ flötend, in Polen einmarschieren.
Aber wäre das schlimmer als Weltpolitiker, die, während sie huldvoll der Eröffnung friedlicher Sportwettkämpfe applaudieren, gleichzeitig einen kleinen schnuckeligen Krieg beginnen?
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